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Predigten

In unserer Gemeinde predigt nicht nur der/die Pastor/-in, sondern jedes Gemeindemitglied kann Gottesdienste mitgestalten. 

 

In der Corona-Zeit haben wir begonnen, einzelne Predigten oder Gottesdienste zu filmen und ins Netz zu stellen.

Unter dem Stichwort "Basisgemeinde Hamburg" findet ihr alle Videos dazu bei YouTube.

 

Gottesdienst zu Mariä Himmelfahrt 15.8.2021

Sicher ist unsere Hamburger MCC-Gemeinde eher evangelisch geprägt. Aber als ökumenische Gemeinde haben wir die Gelegenheit genutzt, dass das "Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel" (wie es im katholischen Raum offiziell heißt) auf einen Sonntag fiel, um uns etwas ausführlicher mit Maria zu beschäftigen. Dazu zwei Predigten, eine aus eher katholischer, die andere aus mehr protestantischer Perspektive.

 

Lukas 2,25-35

Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er war fromm, hielt sich treu an Gottes Gesetz und wartete auf die Rettung Israels. Er war vom Geist Gottes erfüllt, und der hatte ihm die Gewissheit gegeben, er werde nicht sterben, bevor er den von Gott versprochenen Retter mit eigenen Augen gesehen habe.

Simeon folgte einer Eingebung des Heiligen Geistes und ging in den Tempel. Als die Eltern das Kind Jesus dorthin brachten und es Gott weihen wollten, wie es nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind auf die Arme, pries Gott und sagte:

»Herr, nun kann ich in Frieden sterben,

denn du hast dein Versprechen eingelöst!

Mit eigenen Augen habe ich es gesehen:

Du hast dein rettendes Werk begonnen,

und alle Welt wird es erfahren.

Allen Völkern sendest du das Licht,

und dein Volk Israel bringst du zu Ehren.«

Der Vater von Jesus und seine Mutter wunderten sich über das, was Simeon von dem Kind sagte. Simeon segnete sie und sagte zur Mutter Maria: »Dieses Kind ist von Gott dazu bestimmt, viele in Israel zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Es wird ein Zeichen Gottes sein, gegen das sich viele auflehnen werden. So sollen ihre innersten Gedanken an den Tag kommen. Du aber wirst um dieses Kind viele Schmerzen leiden müssen; wie ein scharfes Schwert werden sie dir ins Herz schneiden.«    

 

Wer oder was ist Maria für mich?

   Als Thomas mich fragte, ob ich als katholisch geprägter Mensch etwas dazu schreiben könnte, fühlte ich mich regelrecht „erwischt“.

   Einerseits sind Bilder und Statuen von Maria aus katholischen Kirchen genauso wie Feste zu Ehren Marias in der katholischen Kirche nicht wegzudenken. Maria als Himmelskönigin. Maria mit dem gekreuzigten Jesus auf dem Schoß.  Maria als Schutzpatronin der Seefahrenden: Stella Maris, der Meeresstern, der den Weg weist.

   Doch auf der anderen Seite, musste ich mich jetzt fragen: Hat diese Maria wirklich eine Bedeutung für mich?

   Ich gebe zu: Wenn ich Menschen begegne, die vor einer Marienfigur auf dem Boden kniend um Beistand bitten, dann bewundere, ehrlicher gesagt, beneide ich sogar diese innige Glaubensbeziehung.

   Als Kind und Jugendlicher bin ich damit nie vertraut gemacht worden, wurde der Rosenkranz mir nie zu etwas Selbstverständlichem, bin ich mit diesem Gebet nur in Berührung gekommen, wenn ich zu früh zum werktäglichen Abendgottesdienst gekommen bin. Dann empfing mich das immer wiederkehrende: Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade…. Jetzt, als Erwachsener, finde ich es schwer, Zugang dazu zu finden.

   Und doch, bei näherem Hinsehen hat mich Maria doch mehr begleitet, als ich das bisher wahrgenommen hatte. Da war etwa die goldglänzende Maria auf dem Marienplatz im Zentrum meiner Heimatstadt München oder die barocke Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf in unserem Stadtteil. Heute beginnt dort der „Frauendreißiger“, 30 Tage mit Gottesdiensten und Rosenkranzgebeten. Hier hatten auch meine Eltern geheiratet, nicht ohne die Zusage gegenüber dem Pfarrer, die Kinder katholisch taufen zu lassen -  meine Mutter war nämlich altkatholisch.

    Seit meiner Geburt begleitet mich ein kleines Bildnis der schwarzen Madonna von Altötting zusammen mit dem des heiligen Bruder Konrad. Von wem diese kleinen Abbilder waren, weiß ich gar nicht, bestimmt wurden sie geweiht, korrekt müsste es heißen gesegnet, wodurch sie Schutz und Segen bringen sollen, wie auch der Christophorus in unserem Auto.

Maria war aber auch ein Ärgernis, wenn es im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt: …geboren von der Jungfrau Maria. Wie erleichternd war es, die Auslegung des Theologen Hans Küng zu lesen, wonach der Glaube an Christus nicht mit der Bekenntnis zur Jungfrauengeburt steht und fällt.

   Als Bibelstelle fällt mir sofort die Begegnung von Maria mit dem betagten Simeon im Tempel ein. Er prophezeit Maria: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35). Maria nimmt diese Aussage nach Lukas hin, sie widerspricht nicht und versucht nicht, davonzulaufen.

   Auch unter uns heute Abend werden Menschen sein, die von eigenen leidvollen Erfahrungen berichten können, als ob ein Schwert durch ihre Seele drang. Hier setzt Maria für mich das Zeichen, auch wenn es schwerfällt und auch, wenn es vielleicht erstmal gar nicht möglich ist, irgendwann wieder zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, im letzen doch gehalten zu sein.

Gleich neben meiner Arbeitsstelle im Zentrum Kiels befindet sich die Katholische Kirche St. Nikolaus. Wenn ich um etwas bitten oder für etwas danken möchte, insbesondere aber, wenn ich jemanden aus meinem Umfeld Kraft und Trost in einer schwierigen oder gar ausweglosen Situation zusprechen möchte, dann zünde ich dort vor der Pieta, dem Abbild der leidenden Maria mit dem Gekreuzigten auf ihrem Schoß,  eine Kerze an. Und damit hoffe und vertraue ich, dass die seelischen oder körperlichen Wunden meiner/meines Nächsten wieder heilen können. 

© Fritz Schultz

 

Als guter Protestant beginne ich meine Predigt über Maria mit Jesus.

   In meiner ersten Zeit begegnete mir Jesus im Konfirmandenunterricht, im Got-tesdienst und im Religionsunterricht meist nicht als „Jesus Christus“ oder als „Jesus“, sondern er wurde gern „Jesus von Nazareth“ genannt. Das hat histo-risch gesehen seine Berechtigung, und doch drängte sich bei diesem „von Naza-reth“ für meine deutschen Ohren eine bestimmte Vorstellung auf: die vom Adel, von Menschen, geboren mit silbernem Löffel im Mund, die sich von anderen Menschen abheben, abgehoben sind, in einer anderen Welt leben. Was ich sonst noch so hörte und gelehrt bekam, bestätigte dieses Bild dann nur allzu oft: Das Fremdsein Jesu in dieser Welt wurde besonders betont: Jesus, von niemandem wirklich verstanden, nicht einmal von seinen Freundinnen und Freunden. Jesus, der Gutes tat, aber wo die Vorstellung seltsam wirkte, dass er sich mit den Geheilten gefreut oder sich bei den Gastmählern womöglich mit den anderen amüsiert hätte. Jesus, dessen Geschichte Knall auf Fall mit der Taufe durch Johannes seinen Anfang nahm und dann nur noch wenige Jahre dauerte. Was davor geschah, spielte keine Rolle für den Glauben, war allenfalls sentimentale Legende. Jesus, der in milder Strenge über die Erde wandelte, doch ohne den Boden zu berühren. Nicht wirklich verwurzelt, abgehoben, weniger Mensch als die Idee von einem idealen Menschen, „Jesus, der erste neue Mensch“, wobei mir diese Idee immer ein bisschen gruselig vorkam und nicht als Ideal, dem ich nacheifern könnte.

   Ich habe dieses Jesusbild, wie es mir vermittelt wurde, etwas überspitzt dargestellt, aber vielleicht kommt euch das eine oder andere daran bekannt vor. Es geht in eine Richtung, die schon die alte Kirche als Irrlehre verdammt hat: Jesus, der nur scheinbar, nie wirklich Mensch geworden ist.

   Und dann kommt Maria.

   Maria erdet Jesus. Wir blicken in die Krippe der Weihnachtsgeschichte, die in göttlichem Licht erstrahlt und sehen einen Menschen: keinen holden Knaben im lockigen Haar, sondern wie alle Neugeborenen klein, rot und schrumpelig und mit spärlichem Haarwuchs. Und kein silberner Löffel im Mund, noch nicht einmal ein anständiger Platz zum Schlafen! Maria, durch die Jesus in eine Welt hineingeboren wird, die so ist wie sie ist: kalt und abweisend, aber auch ein Ort der Liebe und der Freude. Maria, die ihrem Sohn beibringt, in dieser Welt eige-ne Schritte zu setzen. Wir blicken in das kleine Haus in Nazareth, für den kleinen Jesus die große Welt. Wir sehen, wie er Maria beim Brotbacken zuguckt, sehen, wie sie ihm etwas Teig gibt, aus dem er eigene Mini-Brote formt. Wir sehen ihn, wie er interessiert neben Joseph sitzt. Aus einem Reststück Holz entsteht gerade eine Pferdefigur unter Josephs Händen, keine Auftragsarbeit, sondern ein Spielzeug. Ein Geschenk für den Sohn. Und als Jesus sich an Josephs Arbeitsmaterial einen Holzsplitter einfängt, zu wem rennt er wohl und wer operiert ihm diesen Splitter mit einer Nähnadel raus und tröstet ihn dann?

   Maria, die am Sabbat die beiden Lichter auf dem Tisch anzündet, das Gebet spricht. Die Gebete, die Lieder, das ganze Judentum: von der Mutter auf den Sohn.

Maria, die sich um ihr Kind sorgt, auf ihr Kind stolz ist, mit ihm auch gern mal angibt, und sich hin und wieder an ihm ärgert.

   Und die ihn irgendwann loslassen muss, weil sie weiß: „Er ist mein Kind und er ist doch nicht mein Kind. Er gehört zu mir, aber er gehört mir nicht.“

   Maria erdet Jesus. Seine Füße berühren den Boden, wenn er über diese Erde geht, verbunden mit ihr, verbunden mit uns.

   Der Weg zu Jesus führt über Maria, verlautet es oft von katholischer Seite. Ich kann für mich sagen, dass ich diesem Satz zustimmen kann, dass Maria mir hilft – nicht nur sie aber zu einem gewichtigen Teil sie – Jesus als einen wirklichen Menschen zu sehen. „Wahrer Gott“ aber eben auch „wahrer Mensch“. Dafür danke ich ihr von Herzen.

Amen

© Thomas Domröse 

 

 

Neuengamme-Gottesdienst 12.7.2020

Einmal im Jahr feiern wir unsern Gottesdienst in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Wir wollen damit an die Menschen erinnern, die ihre sexuelle Orientierung, Religion, Abstammung oder sonstige Zugehörigkeit zu einer Minderheit an solche Orte wie Neuengamme, Auschwitz o.ä. gebracht hat. Coronabedingt war es 2020 nicht möglich, den Gottesdienst in Neuengamme zu feiern, deshalb hat er in diesem Jahr am Steindamm stattgefunden.

 

Matthäus 26, 36ff

Dann kam Jesus mit seinen Jüngern zu einem Grundstück, das Getsemani hieß. Er sagte zu ihnen: »Setzt euch hier! Ich gehe dort hinüber, um zu beten.«

Petrus und die beiden Söhne von Zebedäus nahm er mit. Angst und tiefe Traurigkeit befielen ihn, und er sagte zu ihnen: »Ich bin so bedrückt, ich bin mit meiner Kraft am Ende. Bleibt hier und wacht mit mir!«

Dann ging er noch ein paar Schritte weiter, warf sich nieder, das Gesicht zur Erde, und betete: »Mein Vater, wenn es möglich ist, erspare es mir, diesen Kelch trinken zu müssen! Aber es soll geschehen, was du willst, nicht was ich will.«

Dann kehrte er zu den Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: »Konntet ihr nicht eine einzige Stunde mit mir wach bleiben? 

Bleibt wach und betet, damit ihr in der kommenden Prüfung nicht versagt. Der Geist in euch ist willig, aber eure menschliche Natur ist schwach.«

Noch einmal ging Jesus weg und betete: »Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann geschehe dein Wille!«

Als er zurückkam, schliefen sie wieder; die Augen waren ihnen zugefallen.

Zum dritten Mal ging Jesus ein Stück weit weg und betete noch einmal mit den gleichen Worten. 

Als er dann zu den Jüngern zurückkam, sagte er: »Schlaft ihr denn immer noch und ruht euch aus?…

 

Ich gehe einfach mal davon aus, dass das wirklich klappt, dass ich mit Beginn des nächsten Jahres in Ruhestand gehen kann. Dann ist dies heute aller Wahrscheinlichkeit nach meine letzte (zumindest offizielle) Neuengamme-Predigt (als Pastor der MCC-Hamburg). Das fühlt sich schon ein bisschen komisch an. Vor allem aber hat es mich dazu gebracht, mal ein bisschen zurückzuschauen auf das, was ich die letzten 32 Jahre in Neuengamme gepredigt habe.

    Ich könnte diese Rückschau jetzt zum Anlass nehmen und mich darüber beklagen, was ich da und anderswo an kostbaren Perlen vor starrsinnige und unmotivierbare Säue geworfen habe. Wenn ich mir das aber verkneife und stattdessen mich selbst als Hörer meiner eigenen Predigten mit in den Blick nehme, dann wird mir ein bisschen anders. Und ich frage mich: Habe ich mir eigentlich selbst nicht zugehört? Habe ich mir nicht geglaubt? Habe ich das selbst nicht ernst genommen, was ich in Neuengamme gesagt habe? Irgend so etwas Ähnliches muss mir da passiert sein.

    Denn eine meiner Grundaussagen, die ich in Neuengamme immer und immer wiederholt und betont habe, ist, wie sehr uns dieser Ort dazu mahnt, uns nicht in Sicherheit zu wiegen, in dem Glauben, dass unsere Gesellschaft sich einfach und automatisch immer weiter und von selbst liberalisiert. Eines der wirklich furchtbaren Dinge an Neuengamme ist doch, dass das kein mittelalterliches Gruselkabinett ist. Irgendein Ort, der den Endpunkt einer uralten, längst überwundenen, schrecklichen Diskriminierungsgeschichte markiert. Jahrhundertelang wurde es immer schlimmer, wie die Mehrheit mit Minderheiten umging, bis das alles schließlich seinen Höhepunkt in Neuengamme fand und an ähnlichen Orten. Aber zum Glück liegt das alles lange hinter uns, und nun ist die Gesellschaft auf einem völlig anderen Weg.

    Alles Quatsch: Ganz viel von den liberalen Errungenschaften, über die wir uns heute freuen, gab es bereits vor Neuengamme. Eine tolle, lebendige, offene Schwulen- und Lesbenszene in deutschen Großstädten. Jede Menge Treffs, Bars, Kneipen, in denen queeres Leben tobte. Oder etwas ernsthafter Magnus Hirschfeld und sein Institut für Sexualwissenschaft. Die machten Beratung für Homosexuelle und Aufklärung über Homosexualität. Die hatten diesen berühmten Film „Anders als die anderen“ produziert und in die Kinos gebracht. Oder das wissenschaftlich-humanitäre Komitee in Berlin und wie die kurz davor waren, die Abschaffung des §175 durch den Reichstag zu bringen. Oder wie es Juden vor allem aus Osteuropa nach Deutschland zog, weil sich in diesem liberalen, offenen Deutschland so gut leben ließ. Eine bis heute ganz wichtige theologische Strömung, das liberale Judentum, war in Deutschland entwickelt worden. Und in den jüdischen Gemeinden wurde intensiv diskutiert, ob man es mit der Assimilation in die Gesellschaft nicht ein bisschen zu weit trieb mit der Integration. So sah Deutschland kurz vor Neuengamme aus. Da hatte sich die Gesellschaft immer weiter liberalisiert, so dass es Minderheiten richtig gut ging in diesem Land. Und das war doch klar, dass das so weitergehen würde. Denn wenn eine Gesellschaft sich erstmal soweit geöffnet hat, dann muss das doch einfach immer weiter in diese Richtung gehen.

    Und dann der Schock, wie das kippte. Wie auf einmal all die Liberalität, die bis dahin so selbstverständlich war, wie es mit der auf einmal vorbei war. Und in Deutschland geschahen Dinge, die man sich überhaupt nicht hatte vorstellen können. Die Mehrheit wollte Sündenböcke und fand sie bei den Minderheiten - Juden, Schwulen, Lesben, Roma, Sinti usw. usw. Die waren schuld am miesen Zustand der Welt, befand die Mehrheit, und für die waren Orte wie Neuengamme genau richtig.

    Ich habe das immer wieder bei unseren Neuengamme-Gottesdiensten gepredigt: Wenn das damals geschehen konnte, dann kann es immer wieder passieren. Wenn uns die Geschichte, für die Neuengamme steht, eins lehrt, dann das, dass wir als Minderheit in der Hand der Mehrheit sind. Dass es klasse ist, wenn wir Zeiten der Liberalität genießen können. Aber dass diese Liberalität nicht selbstverständlich ist und dass das gesellschaftliche Klima sich nicht automatisch immer weiter zu unseren Gunsten entwickeln muss. Das mussten Lesben, Schwule, Juden und andere Minderheiten damals erleben. Dass dieser Kelch zu unseren Zeiten bislang an uns vorbeigegangen, ist Geschenk, ist Glück, ist Gnade oder wie immer wir es nennen wollen, aber nichts was selbstverständlich ist. Nichts, was wir als gegeben hinnehmen dürfen. Sollte die Mehrheit heute oder in Zukunft wieder Sündenböcke brauchen, werden wir wieder genauso fällig sein, wie die Generationen vor uns es damals waren.

    Und was diesen Gedanken jenseits allen Gedenkens so gruselig macht, ist, dass wir ganz aktuell sehen können, wie sich so etwas anbahnt: Dass das Beschuldigen von Sündenböcke wieder losgeht. Dass in Deutschland Antisemitismus wieder Auftrieb hat. Dass Juden davor gewarnt werden, in der Öffentlichkeit Kippa zu tragen. Dass Synagogen überfallen werden. Dass Landkreise in Polen sich damit brüsten, LGBTQ-freie Zone zu sein. Allein diese Sprache. Wie der Präsidentschafts-Wahlkampf in Polen von den regierenden Rechten als Kampf gegen eine angebliche LGBT-Ideologie geführt wird. Das Juden schuld sein sollen an Corona - all solch ein Irrsinn ist heute wieder möglich. Hätte man sich so etwas vor ein paar Jahren vorstellen können? Nein, hätte man nicht.

    Gepredigt habe ich es in Neuengamme immer wieder, dass es keine automatische, immer weiter fortschreitende Liberalisierung der Gesellschaft gibt. Wenn es damals passieren konnte, dann kann es immer wieder passieren. Dass wir einfach Glück gehabt haben, dass wir bislang so gut davongekommen sind. Aber dass wir uns darauf nicht ausruhen dürfen, sondern dass wir dafür eintreten müssen, dass wir uns dafür engagieren müssen, dass das gesellschaftliche Klima nicht wieder kippt. Dass wir unseren Beitrag dazu leisten müssen, dass Neuengamme nie wieder möglich wird.

    Das habe ich da ungefähr 32mal gepredigt. Doch augenscheinlich habe ich mir nicht zugehört; denn getan habe ich nichts dergleichen. Ich glaube und predige etwas Anderes, aber ich lebe trotzdem so, als ob es Standard wäre, dass die Mehrheit uns Minderheit ein gutes und geschütztes Leben gewährt. Ich glaube nicht, dass die Liberalität unserer Gesellschaft selbstverständlich ist, aber ich lebe so, als ob sie es wäre. Und wenn ich mich so umgucke, glaube ich, bin ich damit in ziemlich guter Gesellschaft. Also: Perlen vor die Säue geworfen. Oder warum leben wir nicht anders?

    Was mich betrifft, muss ich bekennen, dass ich gar nicht so richtig weiß, wie ich anders leben sollte. Müsste ich vielleicht auf jeder Demo mit dabei sein? Sollte ich viel schriller, deutlich erkennbarer und anstößiger herumlaufen, um den Menschen um mich herum klarer zu machen, dass wir Schwule und Lesben existieren? Oder wie sähe so ein „Nie-wieder-Aktivismus“ eigentlich aus? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht so recht. Und hinzu kommt, selbst wenn ich es wüsste, stelle ich es mir einfach furchtbar anstrengend vor, permanent in so einem Aktivismus-Modus zu leben. Und ich glaube, das ist nicht nur fortschreitendes Alter, dass wir uns gern einkuscheln in das Gefühl der Sicherheit und des Geborgenseins in einer freundlichen Gesellschaft. Das fühlt sich einfach gut an, das zu erleben. Und warum sollten wir uns das nicht gönnen, wenn es doch möglich ist? Vielleicht ist das einfach so, dass die meisten durchschnittlich begabten und durchschnittlich lebenden Menschen das gar nicht hinkriegen, in so einem dauerhaften Alarmzustand zu leben. Aber wie sollen wir dann leben, als Minderheit, deren Rechte die Mehrheit jederzeit wieder kassieren kann?

    Als ich auf der Frage herumzukauen begann, kamen mir diese Bibeltexte in den Sinn, die uns zum „Wachen“ auffordern. Das kommt im NT ziemlich häufig vor, besonders gern im Zusammenhang mit den Beschreibungen der Endzeit. Also diesen Szenarien, welche Schreckenszeiten unserer Welt bevorstehen, bevor Christus als Richter der Welt zurückkommt. Das ist alles sehr gruselig und sehr heftig, was da ausgemalt wird. Und wir werden aufgefordert, in diesen Zeiten zu wachen. Oder in dem Text, den wir gerade gehört haben, da ist es auch so: Da steht Jesus seine persönliche Schreckenszeit bevor, und er bittet seine Jünger mit ihm zu wachen.

    Nun könnte man sagen, ob wir in den Schreckenszeiten unserer Welt wachen oder nicht, das wird die Schrecken nicht aufhalten. Oder ob die Jünger mit Jesus gewacht hätten oder nicht, das hätte den Prozess nicht gestoppt, der ihn ans Kreuz gebracht hat. Ob wir also wachen oder nicht, das macht den Kohl auch nicht fett. Und trotzdem fordert uns das NT immer und immer wieder zu dieser Haltung des Wachens auf. Im 1. Petrus z.B. wird das so auf den Punkt gebracht:

 

1.Petrus 5,8-10

Seid wachsam und nüchtern! Euer Feind, der Teufel, schleicht um die Herde wie ein hungriger Löwe. Er wartet nur darauf, dass er jemand von euch verschlingen kann. 

Leistet ihm Widerstand und haltet unbeirrt am Glauben fest. Denkt daran, dass die Gemeinschaft eurer Brüder und Schwestern in der ganzen Welt die gleichen Leiden durchzustehen hat.

Ihr müsst jetzt für eine kurze Zeit leiden. Aber Gott hat euch in seiner großen Gnade dazu berufen, in Gemeinschaft mit Jesus Christus für immer in seiner Herrlichkeit zu leben. Er wird euch Kraft geben, sodass euer Glaube stark und fest bleibt und ihr nicht zu Fall kommt. 

 

So etwas ist eigentlich eher nicht unser Ding, sowas mit Teufel und Leiden und Widerstand und so. Aber wenn wir das Ganze mal auf uns und unsere Situation als Minderheit beziehen, dann wird das spannend. Dann hat das was, dieser Gedanke zu wachen. Aufmerksam zu bleiben, wach zu bleiben, uns nicht einschläfern zu lassen, damit dass unserer Umwelt es gerade gut mit uns meint. Sondern wach zu bleiben dafür, dass das nicht selbstverständlich ist. Klar zu behalten, dass wir Minderheit sind und dass die Mehrheit es jederzeit wieder gut und richtig finden kann, dass wir an sonstwas schuld sind und dass so etwas wie Neuengamme neu in Betrieb zu nehmen ist. Dass wir das im Blick behalten, wird es wahrscheinlich nicht stoppen können. Genauso wenig, wie das Wachen der ChristInnenheit die Schrecken der Endzeit stoppen kann oder genauso wenig, wie das Wachen der Jünger Jesus vor dem Kreuz hätte bewahren können.

    Doch es hätte Jesus gut getan, wenn seine Freunde wach geblieben wären und ihn auf seinem Weg in seine schlimme Zeit begleitet hätten. Und denen, die es damals in Neuengamme erwischt hat, denen hätte es gut getan, wenn sie ihren Minderheitenstolz wach gehalten hätten. Wenn sie durch das, was ihnen da angetan wurde, in dem Bewusstsein durchgegangen wären, dass es Unrecht war, was ihnen geschah. Wenn sie zumindest nicht selbst geglaubt hätten, dass sie Neuengamme verdient hätten. Wenn sie erhobenen Hauptes und nicht gebeugt durchlitten hätten, was ihnen angetan wurde.

    Wie gesagt, es hätte Neuengamme nicht verhindert. Wenn es hart auf hart kommt, schützt auch ein wacher Minderheitenstolz nicht vor dem Zugriff der Mehrheit. Aber er lässt uns dem Zugriff der Mehrheit anders begegnen, stolzer, ungebeugter, die Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmend, sondern Unrecht als Unrecht verstehend und soweit möglich benennend. Ich glaube, so eine Haltung legt uns das NT nahe, wenn es uns zum Wachen auffordert. Wach zu bleiben für das, was richtig ist. Wach zu bleiben dafür, dass keine Minderheit - welche auch immer - Schuld ist für Fehlentwicklungen in Staat und Gesellschaft. Unseren Stolz als Minderheit zu pflegen, wach zu bleiben und nie aufzuhören, den aufrechten Gang zu pflegen.

    Wenn MCC uns dabei helfen würde, so etwas hinzukriegen, dann würde sie eine super wichtige Funktion erfüllen. Dann wäre Neuengamme und alles andere, was wir tun, was wir mal besser und mal schlechter hinkriegen, doch was deutlich Anderes als Perlen vor die Säue zu werfen. Wenn unser Gemeindeleben dazu beiträgt, dass wir uns gegenseitig ermutigen und bestärken, wach zu bleiben, dann ist das was Gutes und Wichtiges. Und dann verliert das auch nach 32 Jahren nicht an Bedeutung. Auch nicht in einer Zeit, wo es uns als Minderheit gut geht. Denn das ist es, was wir – trotzdem - hinkriegen müssen als Minderheit: Wach zu bleiben. Wachet und betet!

Amen 

© Thomas Friedhoff 

 

   

Osterpredigt 21.4.2019

Markus 16,1-8

Am Abend, als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um den Toten damit zu salben.

Ganz früh am Sonntagmorgen, als die Sonne gerade aufging, kamen sie zum Grab.

Unterwegs hatten sie noch zueinander gesagt: »Wer wird uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?« Denn der Stein war sehr groß. Aber als sie hinsahen, bemerkten sie, dass er schon weggerollt worden war.

Sie gingen in die Grabkammer hinein und sahen dort auf der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen.

Sie erschraken sehr. Er aber sagte zu ihnen: »Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der ans Kreuz genagelt wurde. Er ist nicht hier; Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Hier seht ihr die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten. Und nun geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: 'Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, so wie er es euch gesagt hat.'«

Da verließen die Frauen die Grabkammer und flohen. Sie zitterten vor Entsetzen und sagten niemand ein Wort. Solche Angst hatten sie. 

 

Der Gedanke dieser Oster-Predigt ist eher nicht neu. Sowas ähnliches habe ich sicher schon mal zum Thema Ostern gesagt. Spricht aber auch nicht viel gegen, wenn einem ein schlauer Gedanke irgendwann später nicht blöd und überholt vorkommt, sondern wenn der dann immer noch schlau und bedenkenswert erscheint, oder? Spricht ja eher für den Gedanken. Was aber unter Garantie neu ist, sind die Bilder, die mich dahin geführt haben; denn die stammen aus Khangs Krankenhausaufenthalt, im Januar und Februar. Da hat mich das erwischt:

    Vielleicht kennt Ihr das auch. Ich assoziiere mit Krankheit Bettruhe. Du bist krank? Ach du armer Hase, dann leg dich erstmal hin. Du hast eine Erkältung, dann bloß schnell ins Bett mit dir. Wer neulich die 2.Charité-Staffel im TV gesehen hat, kann sich vielleicht an die Episode mit dem Widerstandskämpfer erinnern. Von Dohnany war das, glaube ich. Der war im Gefängnis so dramatisch erkrankt, dass er in die Charité unter Sauerbruchs Obhut überstellt wurde. Der verordnete dem Erkrankten erstmal Bettruhe. Und die währte dann monatelang. Solange er im Bett lag, konnten ihn die Nazis nicht wieder einkassieren. Dass einer monatelang krank zu liegen hatte, war Standard. Krank heißt liegen, ernsthaft krank, heißt lange liegen. Solange er lag, war er geschützt, also lag er. Das entspricht auch meinen Bildern und Vorstellungen von Krankheit – krank heißt liegen. Und wenn du schlimm krank bist, dann liegst du halt lange…

    Bevor wir zu dem kommen, was mich bei Khang neulich im Albertinen angesprungen hat, würde ich eben gern eine Übertragung von diesem Bild krank und liegen auf unsere Lebenssituationen versuchen: Wenn wir „krank“ mal übersetzen mit Situationen, wo es das Leben nicht gut meint mit uns, dann fällt uns sicher was dazu ein. Geplatzte Hoffnungen, Abschiede, Träume, die sich in Albträume verwandelt haben, gescheiterte Beziehungen, unerträgliche Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Sorgen, die uns niederdrücken, Beziehungslosigkeit, Diskriminierungserfahrungen und und und. 1001 kranke Situation, in denen das Leben sonst was mit uns macht, aber nicht nett zu uns ist.

    Und uns geht die Puste aus, wir müssen uns erstmal hinlegen. Müssen wir wirklich. Was das Leben so an Tiefschlägen für uns bereithält, das stecken wir oft nicht weg, ohne in die Knie zu gehen, ohne im Liegen zu landen. Und mir fällt ja auch auf, dass es mit zunehmenden Alter umso flotter geht, dass wir in der Waagerechten landen. Vor ein paar Jahren hätten wir das noch weggesteckt. Locker vielleicht auch damals schon nicht. Aber die vernichtende Bemerkung der „Freundin“, der Turbostress im Job, die Diagnose des Arztes… lustig hätten wir das auch vor ein paar Jahren nicht gefunden. Aber dass uns das so umnietet und wir kaum wieder auf die Beine kommen, das wäre vor einiger Zeit noch anders gelaufen. Ehe wir uns versehen, liegen wir flach.

    Und wenn wir Pech haben, dämmert uns dann: Das ist es was das Leben mit uns macht. Es zwingt uns immer wieder in die Waagerechte und irgendwann wird das final so sein. Irgendwann werden Alter, Krankheit und Vergänglichkeit uns unausweichlich so sehr in die Knie gezwungen haben, dass wir gar nicht mehr hochkommen. Kein Gedanke, der Erholung fördert. Blöd. Was tun wir damit?  Erstmal gönnen wir uns Bettruhe. Schön liegen bleiben, vielleicht wird es ja wieder. Und wenn nicht, naja, dann haben wir es halt hinter uns. Dann beginnt die unausweichlich finale Waagerechte eben schon ein bisschen früher als erwartet… So oder so, jetzt bleiben wir erstmal schön liegen.

    Aber neulich im Krankenhaus lief das anders. Khang war noch nicht ganz fertig operiert, da wurde er schon aus dem Bett gescheucht. Nix liegenbleiben – aufstehen war angesagt. Aber der hat doch einen Katheder und eine Drainage. Was soll er denn mit den Beuteln machen? Die kann er doch wohl in die Hand nehmen! Und die drei Tröpfe? Na die hängen ja schließlich an dem Ständer. Den kann er benutzen, um sich daran festzuhalten, der hat Rollen, kann er wie eine Art Rollator benutzen. Und jetzt Schluss mit der Debatte und raus aus dem Bett. Das ist da jetzt Standard – keine lange Bettruhe mehr, sondern sobald das irgendwie möglich ist, aufstehen. Die ersten Schritte über den Flur machen, wieder in die Gänge kommen.

    So haben die natürlich nicht nur Khang aus dem Bett gescheucht, sondern da herrschte ein ziemlicher Betrieb auf den Fluren. Lauter Leute in Flügelhemden, die sich an Tropfständern festhielten und versuchten, nach ihren OPs wieder auf die Beine zu kommen. Leicht war das sicher nicht. Nach all dem, was die Leute hinter sich hatten, wäre es sicher tausendmal netter gewesen, liegen bleiben zu können und die Bettruhe zu genießen. Aber keine Chance – Aufstehen war die Devise.

    Was Jesus, seine JüngerInnen, die beiden Marias und Salome aus der Geschichte, die wir gerade gehört haben, hinter sich hatten, war auch nicht lustig. Das Leben hatte ihnen verdammt übel mitgespielt. Vor allem Jesus. Was die Leute mit dem gemacht haben: Eben waren sie noch seine Fans gewesen, jetzt ihr Gebrüll: „Kreuzigen“. Da waren viele dabei, die er vor kurzem noch geheilt hatte. Und die Chance, den loszuwerden, ließen sich die Herrschenden natürlich nicht entgehen. Die haben ihn wirklich gekreuzigt. Den, auf dem eben noch alle Hoffnungen lagen, er würde die neue Welt Gottes herbeiführen. Er würde für Gerechtigkeit sorgen, er würde die Welt heiler, versöhnter, neu machen. Der starb nun am Kreuz. Verdammt übel hat ihm das Leben mitgespielt. Und seinen Leuten natürlich auch.

    Naja, aber nun hatte er es immerhin hinter sich. Sein Elend war zuende. Nun konnte er liegen und ruhen. Nach all den Qualen, war es nun vorbei. Immerhin. Endlich liegen und ruhen. Und für die drei Frauen und die anderen JüngerInnen war’s jetzt auch vorbei. Sie hatten eine gute Zeit gehabt mit Jesus, aber nun war’s das. Was sie gehofft hatten, was mit Jesus für eine Zukunft anbrechen sollte, das konnten sie vergessen. Jetzt konnten sie ihre Erinnerung an die gute Vergangenheit mit Jesus pflegen, aber das war‘s dann auch. Das mag nicht das sein, was wir toll finden, was wir uns gewünscht hätten. Aber wenn so ein gewisses Maß voll ist, an Quälkram, dann ist irgendwann auch gut. Wenn das Leben uns mal wieder mit einer Runde Tiefschläge versorgt hat, irgendwann war’s das dann einfach. Dann Bettruhe oder einfach final liegenbleiben, das kann eine echte Alternative sein.

    Doch Jesus ist nicht liegengeblieben. Was das Neue Testament uns über die Auferstehung Jesu erzählt, davon können wir in Klein gerade etwas in der Natur erleben. Obwohl „in Klein“ ist nicht der richtige Begriff, das ist ja schon was ausgesprochen Großes, wie sich das Leben immer wieder zurückkämpft. Wie aus Totem, Erstorbenem neues Leben aufersteht. Das ist schon ziemlich groß. Andererseits ist es überhaupt nichts im Vergleich dazu, dass Gott Jesus vom Tod auferstehen lässt. Das mag uns zwar auf den ersten Blick nicht so spektakulär erscheinen wie das aktuelle Aufblühen der Natur. Ist aber 1000mal spektakulärer. Denn Gott überwindet da nicht nur einen Schlaf, sondern den wirklichen Tod. Das ist nochmal eine andere Liga. Doch das Wirken dahinter, das ist in beiden Fällen das Gleiche, beim Aufwachen der Natur und der Auferstehung Jesu. Beides geschieht durch das Wirken Gottes, das immer wieder ins Leben drängt. Und das tut es mit solcher Macht und Intensität, dass es auch vor dem Tod nicht haltmacht.

    Selbst, dass Jesus tot ist, dass es da eigentlich nichts weiter gibt für ihn, als zu liegen, ewige Bettruhe, hält Gott nicht davon ab, Jesus wieder ins Leben zu rufen. Das unbändige Leben Gottes lässt Jesus wieder aufstehen. Nix liegenbleiben – aufstehen!

     Bei Gott ist die Kraft, die es uns ermöglicht wieder aufzustehen. Das ist der große Zuspruch von Ostern (um mal wieder Frieders System von Zuspruch und Anspruch zu Ehren zu bringen). Das ist das absolut Tolle, das uns Ostern zugesagt ist: Gott ist stärker als alle Tode. Gottes Energie macht selbst vor dem Tod nicht Halt. Auch wenn das Leben uns immer wieder niederstreckt, wir müssen nicht liegenbleiben. Selbst das finale Liegenbleiben des Todes wird uns nicht festhalten. Die Auferstehung Jesu verspricht uns, dass uns auch der Tod nicht halten wird. Selbst über den Tod hinaus wird die Kraft Gottes uns neues Leben schenken. Das ist der atemberaubende Zuspruch, der uns Ostern erreichen will. Und wo sich in Frieders System zum Zuspruch dann der Anspruch stellt, verbindet sich mit der tollen Nachricht von Ostern die Aufforderung an uns aufzustehen. Dass wir aufstehen können, dass Gott uns die Fähigkeit schenkt aufzustehen, bedeutet auch, dass wir aufstehen sollen.

    Wir müssen nicht liegenbleiben und wir sollen es nicht. Auch wenn das Leben uns mal wieder umgenietet hat, auch wenn wir Drainagen und Tröpfe benötigen, wenn wir aufstehen können, sollen wir uns die Drainagebeutel schnappen, uns mit der anderen Hand am Tropfständer festhalten und wieder aufstehen. Neues anfangen, Begonnenes weitermachen, Altes abschließen – nur nicht liegenbleiben. Das ist schwer? Wir fühlen uns wacklig auf den Beinen. Ja, das ist wohl so. Die ersten Schritte nach einer OP sind sicher kein Zuckerschlecken. Dass Jesus wieder hoch- sollte/konnte/musste, dürfte auch kein Vergnügen gewesen sein. Aber: Gott befähigt uns wieder aufzustehen und so sollen wir das auch tun.

    Wie wenig selbstverständlich das alles ist, wird auch in dieser Ostergeschichte des Markusevangeliums deutlich. Ich mag die einfach sehr, mehr als die anderen, die viel mehr jubeln über das, was da geschah. Diese Geschichte schließt mit dem „Zittern vor Entsetzen“ und dem Verstummen der Frauen, denn „solche Angst hatten sie“. Damit endet nicht nur seine Ostergeschichte, sondern das ganze Evangelium des Markus. Das Triumphieren, das da dann noch hinterherkommt, wurde erst gut 100 Jahre später dazugeschrieben. Markus beschließt seine Ostergeschichte und sein Evangelium mit der Angst der Frauen über die Auferstehung Jesu.

    Das hat doch was; denn das kann einfach Angst machen, wieder aufzustehen, nachdem das Leben uns mal wieder so eine volle Breitseite verpasst hat. Die Vorstellung, dann wieder aufzustehen, kann so viel Angst machen, kann uns so sehr entsetzen, dass wir lieber liegenbleiben. Das beschreibt diese Szene des Markusevangeliums ganz wunderbar, dass Auferstehung nicht automatisch Jubel, Aufspringen und Tanzen bewirken muss. Sondern, dass Gott uns ins Leben ruft, dass Gott uns zum Aufstehen befähigt, das kann Angst machen. Und dann bleiben wir doch lieber liegen. Aber Gott bleibt dabei und ruft uns zu: Aufstehen! Wir haben Angst davor? Egal! Wir zittern vor Entsetzten? Macht nix! Trotzdem Aufstehen! Ostern heißt: Das wird!

Also: Aufstehen!        

Amen

© Thomas Friedhoff

 

 

Predigt zum 30.Geburtstag der Basisgemeinde MCC-Hamburg

Aus Nehemia 9

Am 24. Tag desselben Monats versammelten sich die Israeliten zu einem Fasttag … Sie erhoben sich von ihren Plätzen und drei Stunden lang wurde ihnen aus dem Gesetzbuch des HERRN, ihres Gottes, vorgelesen. Dann warfen sie sich vor dem HERRN nieder und bekannten ihm ihre Verfehlungen, ebenfalls drei Stunden lang. … Und die Leviten beteten dem Volk vor:

„… Unsere Vorfahren wurden unterdrückt in Ägypten – du sahst es und griffest ein. Am Schilfmeer schrien sie zu dir um Hilfe - du hörtest es und schicktest Rettung.

Der Pharao, seine Minister und sein Volk behandelten unsere Väter mit Hoch­­mut. Da zeigtest du ihnen deine Macht und ließest sie deine gewaltigen Taten spüren. So machtest du dir einen großen Namen, er wird gerühmt bis zum heutigen Tag. Vor den Augen unserer Vorfahren zerteiltest du das Meer, trockenen Fußes zogen sie mitten hindurch. Doch ihre Verfolger stürztest du in die Fluten, wie Steine sanken sie in die Tiefe.

Du leitetest sie bei Tag durch eine Wolkensäule und nachts erhelltest du ihren Weg mit dem leuchtenden Schein der Feuersäule. Du kamst hernieder auf den Berg Sinai, du sprachst zu ihnen vom Himmel her. Klare Ordnungen gabst du ihnen, Gesetze, die das Leben verlässlich regeln, mit guten Vorschriften und Geboten. Als der Hunger sie plagte, gabst du ihnen Brot vom Himmel; aus dem Felsen ließest du Wasser strömen, um ihren Durst damit zu löschen. …

Du aber, in deinem großen Erbarmen, hast sie dort in der Wüste nicht verlassen. Du nahmst die Wolkensäule nicht weg, sie blieb ihr Begleiter an jedem Tag; und die Feuersäule leuchtete ihnen, damit sie auch nachts ihren Weg erkannten.

 Du gabst ihnen deinen guten Geist, um sie zu rechter Einsicht zu führen. Auch weiterhin sättigtest du sie mit Manna und gabst ihnen Wasser für ihren Durst. Vierzig Jahre, bei ihrem Zug durch die Wüste, versorgtest du sie mit dem, was sie brauchten. Ihre Kleider zerfielen nicht zu Lumpen, ihre Füße schwollen vom Gehen nicht an.“

 

Um heute etwas über unsere Gemeinde und ihren Weg durch die Zeiten zu predigen, dazu hätte ich ja 1000 Bilder und Motive aus der Bibel wählen können. Dies eine von dem Volk in der Wüste, das habe ich in den vergangenen 30 Jahren sooft schon strapaziert, das hätte heute nicht nochmal kommen müssen. Dass es nun trotzdem nochmal kommt, hat vor allem damit zu tun, dass mich deren 40 Jahre in der Wüste einfach nicht losgelassen haben.

    Diese Geschichte von den ehemaligen Sklaven auf der Suche nach einem Land wo Mich und Honig fließt, lässt sich ja sehr unterschiedlich erzählen. In der Fassung im Nehemia-Buch, die wir gerade gehört haben, lockert sich nach 150 Jahren so langsam die persische Besatzung Judäas. Was wir heute als Judentum kennen, beginnt sich mit dem Wiederaufbau des zerstörten Jerusalem zu konstituieren. Als das losgeht, wird diese Geschichte feierlich vorgetragen.

    So oder ähnlich - sehr heroisch, sehr motivierend - haben wir sie wahrscheinlich auch im Ohr. Wir kennen sie als Grundmotiv, an das Menschen/Staaten/Gemeinden sich quer durch die Geschichte immer wieder andocken. Als ein Narrativ, mit dem sie ihren Weg deuten. Was ich aber für diesen Moment vorschlagen möchte, ist, dass wir eben noch mal ein paar hundert Jahre zurückgehen und uns ein bisschen in die Situation der Menschen damals hineinversetzen. Bevor man ahnen konnte, dass das, was sie erlebten, Gründungsidee des Judentums werden sollte. Bevor Gruppen/Länder/Kirchen begonnen hatten, sich auf diese Geschichte zu beziehen. Also, als die Menschen mittendrin waren in der Geschichte, sagen wir mal nach 30 Jahren in der Wüste. Da klang das ungefähr so: 

 

Aus 4.Mose 13+14

Der HERR sagte zu Mose: »Sende Leute aus, damit sie das Land Kanaan erkunden, das ich dem Volk Israel geben will. Nimm dazu aus jedem der zwölf Stämme einen der führenden Männer!« …

       Die Kundschafter werden ausgewählt und Moses beauftragt sie:

Seht euch Land und Leute genau an! Erkundet, wie viele Menschen dort wohnen und wie stark sie sind. Achtet darauf, ob ihre Städte befestigt sind oder nicht. Seht, ob ihr Land fruchtbar ist und ob es dort Wälder gibt. Habt keine Angst und bringt Proben von den Früchten des Landes mit.« …

Die zwölf Männer machten sich auf den Weg und erkundeten das Land… Nach vierzig Tagen hatten die zwölf Männer ihre Erkundung abgeschlossen und kehrten zu Mose und Aaron und der ganzen Gemeinde Israel nach Kadesch in der Wüste Paran zurück. Sie erzählten, was sie gesehen hatten, und zeigten die mitgebrachten Früchte vor. Sie berichteten Mose: »Wir haben das Land durchzogen, in das du uns geschickt hast, und wir haben alles genau angesehen. Es ist wirklich ein Land, das von Milch und Honig überfließt. Sieh hier seine Früchte! Aber die Leute, die dort wohnen, sind stark und ihre Städte sind groß und gut befestigt. …«

Das Volk war aufgebracht gegen Mose, aber Kaleb beruhigte die Leute und rief: »Wir können das Land sehr wohl erobern! Wir sind stark genug!«

Doch die anderen Kundschafter sagten: »Wir können es nicht! Das Volk im Land ist viel stärker als wir!« Sie erzählten den Israeliten schreckliche Dinge über das Land, das sie erkundet hatten. »In diesem Land kann man nicht leben, es verschlingt seine Bewohner«, sagten sie. »Alle Männer, die wir gesehen haben, sind riesengroß, besonders die Nachkommen Anaks! Wir kamen uns ihnen gegenüber wie Heuschrecken vor und genauso winzig müssen wir ihnen vorgekommen sein!«

Die ganze Gemeinde Israel schrie laut auf vor Entsetzen und die Leute weinten die ganze Nacht. Alle miteinander lehnten sich gegen Mose und Aaron auf, sie murrten und sagten »Wären wir doch lieber in Ägypten gestorben oder unterwegs in der Wüste! Warum will der HERR uns in dieses Land bringen? Wir werden im Kampf umkommen und unsere Frauen und kleinen Kinder werden den Feinden in die Hände fallen. Es wäre besser, wir kehrten wieder nach Ägypten zurück!«

 

Die meisten von ihnen hatten ja nie was Anderes erlebt, als ihr Nomadendasein in der Wüste. Und natürlich war ihnen allen die alte Geschichte vertraut, die unter ihnen erzählt wurde: Ein paar von den ganz Alten hatten es noch miterlebt - wie sie früher Sklaven waren. Wie die Ägypter sie geschunden hatten, ausgebeutet, unterdrückt. Aber das alles war so dermaßen lange her. So langsam verblasste die Erinnerung daran. Ägypten und die Sklaverei war für sie so was Ähnliches, wie wenn wir MCC-Altvorderen davon erzählen, wie das vor 30 Jahren mit Schwulen und Lesben in den Kirchen war. Von Menschen, die nicht mehr am Abendmahl teilnehmen durften, oder denen untersagt wurde, sich weiter in ihren Gemeinden zu engagieren, wenn sie sich geoutet hatten. Von den „Amtszuchtverfahren“ gegen schwule Pastoren. Von Eltern von Lesben und Schwulen, denen vorgeworfen wurde, dass sie ihre Kinder falsch erzogen hätten.

    Kann man sich heute kaum noch vorstellen, aber damals war das so. Und was das für eine ungeheure Befreiung war, als wir das hinter uns gelassen haben. Die Menschen damals in der Wüste hatten die alten Geschichten noch im Ohr, wie die Sklaven den Ruf Gottes in die Freiheit gehört hatten, wie das Rote Meer sich vor ihnen teilte, so dass sie trockenen Fußes in die Freiheit gelangten. Wir erzählen staunenden Nachgeborenen von dieser unglaublichen Freiheit, die es für uns bedeutet hat, uns nicht mehr rechtfertigen zu müssen für unsere sexuellen Orientierungen, für unsere Identitäten, uns keine Denkschriften zur „Homosexuellenfrage“ mehr anhören zu müssen. Sondern diesen ganzen Quatsch hinter uns zu lassen und zu leben und zu glauben und Gemeinde zu bauen, wie es für uns gut und richtig war. Was dieser Aufbruch in die Freiheit für eine Energie freisetzte, geneinsam was Neues zu schaffen – toll.

    Das lag hinter ihnen. Doch das alles war schon so lange her, was soll das noch bedeuten? Außerdem war Ägypten auch nicht mehr das, was es mal. Da hat sich viel getan mittlerweile, ebenso wie in den Kirchen heute. Und wenn ihnen ihre Wüste mal wieder viel zu wüst vorkommt, dann kommen diese Storys auf von den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Scheiß auf die Freiheit, unsere Vorfahren waren damals wenigstens satt. Könnten wir auch sein. In die Kirche um die Ecke könnten wir einfach so gehen. Sicher gibt es immer noch welche, in denen wir auch heute noch Probleme hätten. Aber mit denen müssen wir ja nichts zu tun haben. In den anderen brauchten wir nichts machen, sondern an den Fleischtöpfen, die die da haben, könnten wir uns einfach bedienen… Irgendwann beginnen die alten Geschichten, warum sie aus der Knechtschaft in die Wüste gezogen, halt zu verblassen.

    Was vor ihnen lag, was sie am Laufen hielt, war die Hoffnung auf dies Land, wo Milch und Honig fließt. Wenn wir uns das mal vorzustellen versuchen: Da zieht so eine kleine Gruppe von Nomaden durch die Wüste, immer dahin, wo es ein bisschen Wasser gibt, wo ihre Herden was zu fressen finden. Sie sind frei, das ist toll. Doch oft, wenn sie mal wieder an so einer befestigten Oasen-Stadt vorbeikommen, die Quellen eingezäunt, die Weiden bewacht – Nomaden sind hier unerwünscht! – dann fällt es ihnen ganz schön schwer, die StädterInnen nicht zu beneiden. Schön und gut, sie sind frei. Doch die Städter da hinter ihren dicken Mauern, die sind satt.  Aber wir geben die Hoffnung nicht auf – irgendwann werden auch wir wo ankommen, wo wir es uns gut gehen lassen. Wir werden Land finden, das nur auf uns wartet, wo wir satt werden können. Wir werden ein Land finden, wo Milch und Honig fließt.

    Dass die Städter hinter ihren hohen Mauern, dass die umgekehrt sie um ihre Freiheit beneiden könnten, auf die Idee wären sie nie im Leben gekommen. Und was sie mit den StädterInnen gemein hatten, war, dass deren Sattheit ja auch nicht von selbst kam. Die Nomaden mussten ihren kargen Lebensunterhalt ihren Viehherden abringen. Die Städter ackerten auf ihren Feldern, in ihren Werkstätten oder trieben Handel. Arbeiten und sich mühen, um satt zu werden, mussten die einen wie die anderen. So einen Traum von gratis fließendem Milch und Honig mögen die hinter den Mauern genauso geträumt haben wie die freien Nomaden.

    So oder so, wir können es an dieser Stelle kurz machen: Das ist ein netter Traum. Aber so ein Land gibt es nicht. Gab es damals nicht, und gibt es heute nicht. Die Nomaden hatten Kundschafter ausgeschickt. Ein paar von denen erzählen zwar, dass sie in Kanaan sowas gesehen haben. Aber Fakt ist: Da - also ungefähr da, wo Israel heute liegt - fließen weder Milch noch Honig. Das, was die Nomaden in der Wüste erträumen, das ist so eine Art Schlaraffenland, das ihnen umsonst und ohne jede Anstrengung zufallen soll. Aber so ein Schlaraffenland, das nur darauf wartet, dass wir uns da reinsetzen und es uns gut gehen lassen, das gibt es einfach nicht.

    Vielleicht ahnen die das in der Geschichte schon, dass das was die einen Kundschafter ihnen da erzählen, von Milch und Honig und supergroßen Früchten, dass das ein paar Nummern zu groß ist, zu bunt und zu aufgeblasen. Wir kennen das von amerikanischen MCC-Jubelstorys über „historische Durchbrüche“ zu einer absolut goldenen Zukunft unserer Gemeinden. Wie die auch oft in diesen Phantasien von Milch und Honig schwelgen. Wie wenig die mit unserer Realität als Gemeinde zu tun haben. Und wie wichtig das ist, uns davon nicht in die Irre führen zu lassen. Genauso wenig wie von den Ängsten, Befürchtungen und Horrorvisionen, die die anderen Kundschafter an die Wand malen.

    Ein superspannender Punkt, an dem sie sich befinden: Von der Wüste hatten sie langsam genug. Die alte Geschichte, warum sie frei und ungebunden als Nomaden durch die Wüste irrten, ist am verblassen, so dass das Zurück nach Ägypten kein Schreckensszenario mehr ist, sondern ein Traum von Fleischtöpfen wird. Und so langsam beginnt das auch dem/der Letzten zu dämmern, dass die Visionen von Milch und Honig, die nur auf sie warten, dass das Märchenträume sind. Stattdessen kippt der Traum vom Schlaraffenland zum Albtraum von menschenfressenden Riesen. Ganz gleich, wo sie hinwollen – in der Wüste bleiben, in das neue Land vor ihnen, zurück nach Ägypten – alles hat seinen Reiz, doch überall lauern Risiken, Strapazen, Gefahren. Nix versprach ihnen, risikofrei, umsonst und ohne Anstrengung zuteil zu werden.

    Die Nomaden entscheiden sich dann, weiterzuziehen. Die Irrungen, Wirrungen, Triumphe und Niederlagen ihres Weges, die kann der Nehemia dann ein paar hundert Jahre später bejubeln als Weg Gottes, auf dem er sein Volk in die Freiheit und zu ihrem Land führt. Ihr Erleben nutzt Nehemia als Grundlage seiner Entscheidung. Und die hatte es ja auch in sich: Das war 150 Jahre her, dass Jerusalem zerstört worden war, dass Judäa ausgelöscht wurde. Mittlerweile hatte man sich ganz gut an das Leben, erst unter babylonischer, dann unter persischer Herrschaft gewöhnt. Diesen alten Geschichten nachzuträumen, von Gott und von der Freiheit, zu der er sein Volk berufen hat, das hätte man sich auch schenken können. Einen neuen Exodus zurück aus dem sicheren und komfortablen Persien in die Ruinenfelder dessen, was mal Jerusalem war, und da in den Trümmern bei null wieder neu anzufangen und die nächsten Irrungen und Wirrungen des Gottesvolkes hinzulegen, das hatte sich ja nicht von selbst ergeben, sondern das war eine Entscheidung.

    So wie auch wir immer wieder zu entscheiden haben, was wir wollen. Dazu müssen wir deuten, was uns widerfährt und was wir vor uns vermuten: Warten da Milch, Honig und große Früchte auf uns? Oder drohen uns Riesen? Oder was ist das da eigentlich, dieser komische Dunst – ein ewig drohendes Gewitter? Und dass nachts das Licht nie ausgeht? Können die nicht endlich mal die Feuer ausmachen, dass man schlafen kann? Andere sagen: Das ist Gott, der uns vorangeht, tags in einer Wolkensäule und nachts im Feuer. Dem widersprechen wieder andere: Wenn das Gott ist, warum führt er uns dann im Zickzack und in Sackgassen und immer kreuz und quer? Andererseits, wenn es nicht Gott wäre, hätten wir diese tollen Stationen nie erlebt, an die er uns geführt hat. Wenn ich das jetzt mit Beispielen aus unsern letzten 30 Jahren illustrieren wollte, dann würde das eine sehr lange Predigt werden. Allein diese Wundergeschichten um diesen Raum herum, wie bei der Renovierung immer genau dann, als es nötig war, genau die Menschen auftauchten, die genau das konnten, was gerade gebraucht wurde, wovon wir anderen keine Ahnung hatten. Oder wie beim Einzug klar war, finanziell würden wir das hier 1 ½ Jahre schaffen. Nun sind wir schon 15 Jahre hier und kriegen es immer wieder gestemmt, was das an finanzieller Herausforderung bedeutet. Da ließe sich eine einzige Aneinanderreihung von Wundern allein aus unserer Kassensituation erzählen…

    Darüber könnten wir ununterbrochen jubilieren. Doch genauso gut, können wir den permanenten Mangel beklagen der sich in diesen Geschichten verbirgt (können uns keine Handwerker leisten, warum kann unsere Kasse nicht mal so voll sein, dass wir uns keine Sorgen machen müssen?) Was die Kund­schafter sehen, deuten die einen als Milch und Honig, die anderen nehmen schrecklich bedrohliche Riesen wahr. Erzähl doch nichts von Wolkensäule, die uns einen guten Weg führt, da baut sich ein enormes Gewitter auf, und Gnade uns Gott, wenn das losgeht. Auch nach 30 Jahren kommen wir aus der Nummer nicht raus, dass wir deuten müssen, was uns widerfährt – ist das ewiger Mangel, mit dem wir uns rumschlagen, oder führt Gott uns einen guten Weg über tolle Stationen? Wir müssen entscheiden, wie wir was deuten, was wir tun wollen, wohin wir gehen wollen.

    Und wenn unsere Entscheidung steht, dass wir den Weg weitergehen wollen, vielleicht könnten wir das Klagen darüber irgendwann mal einstellen, dass wir nicht über Milch, Honig, oder Fleischtöpfe stolpern, an denen wir uns einfach nur bedienen können. Oder dass wir dauernd begeistert zu sein haben über die Wolkensäule vor uns und wohin die uns führt, also dauernde Hochstimmung von uns zu erwarten, das können wir uns auch langsam mal schenken. Denn das kriegen wir nicht als Dauerzustand hin. Müssen wir auch nicht. Aber dass wir immer wieder mal innehalten – wie an diesem Wochenende - zurückschauen und uns freuen über den Weg, den Gott uns geführt hat, das ist was Gutes. Und wenn das Zurückschauen und Feiern, dass Gott uns 30 Jahre gut geführt hat, zu Ende ist, und wir ab morgen wieder damit umzugehen haben, wie es an der aktuellen Weggabelung weitergehen soll, dann ist es wichtig, dass wir klar haben, was das hier ist – jenseits aller Phantasien oder Bedrohungsszenarien: 

    Hier ist Freiheit. Hier ist Möglichkeit, wie wir leben, wie wir glauben oder nicht glauben angstfrei mit anderen Menschen zusammenzuzubringen und gemeinsam was daraus zu machen. Etwas, was uns und den Menschen um uns herum guttut. Das wird nach 30 oder nach 40 Jahren oder wann auch immer nicht anders sein, dass das erkämpft und erarbeitet werden will – nix Milch, Honig und Fleischtöpfe. Doch wen das nicht schreckt, wer Lust hat auf Freiheit und darauf, sie mit zu gestalten, der/die sei herzlich eingeladen, den Weg mitzugehen, auf den Gott uns gerufen hat.

    Last not least wissen wir das besser, als das Gejubel des Nehemia dass ihre „Füße vom Gehen“ nicht anschwollen. Beim Feiern lassen sich die geschwollenen Füße schon mal vergessen. Aber wenn unser Jubel- Wochenende rum ist, dann werden wir sie wohl wieder spüren, die Verschleißerscheinungen nach 30 Jahren Wüste, die Müdigkeit, den Muskelkater. Aber – was soll’s? – ich finde ja nach wie vor, die Freiheit, die wir hier leben, ist die Blasen an den Füßen wert…

 Amen 

 © Thomas Friedhoff

  

 

Gottesdienst in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 5.6.2016

Einmal im Jahr feiern wir unsern Gottesdienst in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Wir wollen damit an die Menschen erinnern, die ihre sexuelle Orientierung, Religion, Abstammung oder sonstige Zugehörigkeit zu einer Minderheit an solche Orte wie Neuengamme, Auschwitz o.ä. gebracht hat.

  

Galater 3,26-28

Ihr alle seid jetzt mündige Söhne und Töchter Gottes – durch den Glauben und weil ihr in engster Gemeinschaft mit Jesus Christus verbunden seid.  Denn als ihr in der Taufe Christus übereignet wurdet, habt ihr Christus angezogen wie ein Gewand. Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zu einem Menschen geworden.

  

Aus Apostelgeschichte 8

Der Engel des Herrn aber sagte zu Philippus: »Mach dich auf den Weg und geh nach Süden, zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt!« Diese Straße wird kaum von jemand benutzt. Philippus machte sich auf den Weg und ging dorthin. Da kam in seinem Reisewagen ein Äthiopier gefahren. Es war ein hoch gestellter Mann, der Finanzverwalter der äthiopischen Königin, die den Titel Kandake führt, ein Eunuch. Er war in Jerusalem gewesen, um den Gott Israels anzubeten. Jetzt befand er sich auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja. Der Geist Gottes sagte zu Philippus: »Lauf hin und folge diesem Wagen!« Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut aus dem Buch des Propheten Jesaja las. Er fragte ihn: »Verstehst du denn, was du da liest?« Der Äthiopier sagte: »Wie kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!« Und er forderte Philippus auf, zu ihm in den Wagen zu steigen…

Da ergriff Philippus die Gelegenheit und verkündete ihm, von dem Prophetenwort ausgehend, die Gute Nachricht von Jesus. Unterwegs kamen sie an einer Wasserstelle vorbei, und der Äthiopier sagte: »Hier gibt es Wasser! Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?« Er ließ den Wagen anhalten. Die beiden stiegen ins Wasser hinab, Philippus und der Äthiopier, und Philippus taufte ihn. Als sie aus dem Wasser herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des Herrn gepackt und weggeführt, und der Äthiopier sah ihn nicht mehr. Von Freude erfüllt setzte er seine Reise fort.

    

Ich möchte Euch eine kleine Geschichte erzählen. Die ist zwar was Besonderes, sonst würde ich sie hier nicht erzählen und sonst wäre sie Ende April nicht durch die Presse gegangen. Aber wenn die Hauptperson dieser Geschichte nicht ein wichtiger ehemaliger Senator der Vereinigten Staaten wäre, hätten wir wohl kaum etwas davon mitbekommen. Uns sagt der Name wahrscheinlich nichts, in den USA ist er sehr bekannt, der Senator Harris Wofford. Wofford hat lange Jahre den Bundesstaat Pennsylvania im Senat vertreten. Er gehört der Demokratischen Partei an, und er hat sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass er die Bürgerrechte in den USA voran gebracht hat. Er hat Martin Luther King beraten und Kennedy und Clinton. Und er war eine Weile im Gespräch als möglicher Vize-Präsident neben Clinton. Also jemand, dessen Namen und Gesicht man kennt in den USA.

  Bei der aktuellen Headline, die sich mit Harris Wofford beschäftigt, geht es darum dass er am 30.4. im Alter von 90 Jahren noch einmal geheiratet hat. Er war 48 Jahre mit seiner Frau Clare verheiratet gewesen, und sie haben drei Kinder zusammen. Als Clare stirbt, ist Harris 70, und er ist absolut untröstlich. Er ist sich sicher, dass er eine Liebe, wie die, die ihn mit seiner Frau verband, nie wieder finden wird. Doch das ist falsch; denn – haben wir gerade gehört - 20 Jahre später heiratet er wieder. Soweit so nett, aber das Ganze ist ja noch keine Nachricht, die die Weltpresse beschäftigen müsste. Stimmt. Was die Presse so spannend findet, ist nicht nur das hohe Alter und die Berühmtheit des Bräutigams, sondern vor allem dass er einen Mann heiratet.

  Wofford erzählt, wie er seinen Partner, Matthew Charlton, vor 15 Jahren am Strand von Fort Lauderdale traf. Die beiden mochten sich und freundeten sich an. Dann begannen sie gemeinsam zu reisen. Und irgendwann war klar: Die beiden lieben sich. Dann hat er nochmal 3 Jahre gebraucht, bis er seinen Kindern von seiner neuen Liebe erzählen konnte. Und nun ist es 5 Wochen her, dass der ehemalige US-Senator Harris Wofford und Matthew Charlton sich in aller Öffentlichkeit… Zitat Wofford: an den Händen gehalten und einander gelobt haben, „für immer verbunden zu sein [...], bis dass der Tod uns scheidet."

  Wir müssen all das immer noch nicht für soooo furchtbar aufregend halten. Was ich aber an dieser Story sehr spannend finde, neben allem anderen – also dass sich hier ein alter, ehrwürdiger US-Senator offen zu seiner spät entdeckten Homosexualität bekennt und dass er diese nagelneue und in den USA ja immer noch sehr umstrittene Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Eheschließung in Anspruch nimmt. So ganz Ohne ist das alles ja doch nicht. Aber was ich darüber hinaus für wirklich spannend halte, ist was anderes:  

  Sowas geschieht ja, dass man sich lange auf einer Schiene bewegt, in einer Schublade steckt. Harris Wofford in der Schublade Heterosexualität. Darin sitzt er 48 Jahre, auf dieser Schiene bekommt seine Frau drei Kinder von ihm. Der Standard wäre nun aber, dass er jetzt sagt, das habe er ja alles nur wegen der Öffentlichkeit getan. Eigentlich hat er immer darunter gelitten, dass er seine wahren Neigungen verstecken musste. Aber nun hat er endlich das falsche Leben hinter sich gelassen und hat im hohen Alter - aber besser spät als nie – das einzig wahre, richtige, Leben als schwuler Mann gefunden.

  Doch genau das tut er nicht. Ich weiß gar nicht, ob Wofford überhaupt von Homo- oder Heterosexualität spricht, wenn er von sich erzählt. Was er stattdessen sagt, ist: "Ich war ein halbes Jahrhundert mit einer wunderbaren Frau verheiratet, und jetzt bin ich froh, ein zweites Mal das Glück gefunden zu haben."

  Das, was er bisher gelebt hat, wird durch das Neue, was er jetzt erlebt, nicht entwertet. Er hat sich nicht mit großem Trara von einer Schiene auf die andere bekehrt. Er hat nicht die eine Schublade verlassen, lebt nun in einer neuen und sagt, die alte war Mist. Nein, er kann sagen: „ich bin froh noch einmal das Glück gefunden zu haben“. Aber was davor war, das war auch Glück. Das eine Glück entwertet nicht das andere. Seine erste Ehe war keine Katastrophe, weil sie mit einer Frau stattgefunden hat, sondern: „Ich war ein halbes Jahrhundert mit einer wunderbaren Frau verheiratet“. Und dass er jetzt mit einem Mann zusammen ist, ändert nichts an der Wunderbarkeit dessen, was vorher war. Und umgekehrt, dass er 50 Jahre heterosexuell verheiratet und glücklich war, mindert nicht den Wert seiner gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.

  Warum ich davon hier in Neuengamme erzähle? Weil wir in einer Welt leben, die vollgestellt ist mit Schubladen. Und weil diese Schubladen wieder wichtiger und wichtiger werden. Und weil das eine Katastrophe ist. Es ist genau die Katastrophe, die schließlich hierher nach Neuengamme geführt hat. Und dass die sich wieder entwickelt, das darf einfach nicht sein.

  Dass es diese Schubladen immer gab, ist klar: Also die Schubladen der Homo- oder Heterosexualität, Deutscher, Türke, Migrationshintergrund, schwarz, weiß, Flüchtling… Und hier für Neuengamme hat mal die Schublade Jude eine sehr wichtige Rolle gespielt. Das war immer so, dass man je nachdem, in welche Schublade man sortiert wurde, ein entsprechendes Etikett aufgepeppt bekam. Und dann wurde man entsprechend bewertet und/oder es wurden einem bestimmte Verhaltensmuster zugeschrieben. Und dann gab es diese absolut düsterten Zeiten von Neuengamme. Da reichte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schublade aus, um hier zu enden - völlig unabhängig davon, wie man sich sonst verhielt.

  Aber ich lebe, seit ich denken kann, mit dem Glauben, dass diese Schubladen immer unwichtiger werden. Dass sie existieren ja, aber dass es eine gesellschaftliche Entwicklung gibt - die gibt es einfach, das ist eine Art Naturgesetz - dass die Schublade, zu der ein Mensch gehört, dass die immer weniger Bedeutung hat. Dass stattdessen der Wert des einzelnen Menschen - jenseits der Etikettierung, die man ihm aufpeppt - immer mehr in den Vordergrund tritt. So entwickelt sich die Gesellschaft einfach, und wir müssen im Grunde nur drauf warten, dass das immer gut weiterläuft.

  Wie falsch das ist, wie naiv, zeigt z.B. der Spruch dieses Herrn Gauland letzte Woche: Der macht sich nicht mal mehr die Mühe, das zu kaschieren. Man kann ja begründen, warum Menschen, die in eine bestimmte Schublade einsortiert sind, warum „die Leute“, die nicht in ihrer Nachbarschaft haben wollen. Also, der Schwarze an sich der ist halt laut, der grillt so viel, dessen viele Kinder senken das Bildungsniveau in der Schule für meine hübschen weißen Kinder. Mit sowas kann man die Ungeheuerlichkeit, die man sagen will, ein bisschen aufhübschen. Aber das hat dieser Gauland gar nicht mehr nötig. Der kann heute wieder sagen: Dass der Boateng eine etwas dunklere Hautfarbe hat, das reicht, damit ich ihn nicht als Nachbarn will. Da kann heute ein Politiker wieder den plattesten Rassismus bedienen - Schublade zu und fertig. Bislang haben wir sowas in Filmen über die Nazizeit gesehen. Dann haben wir uns gegruselt, wie das damals möglich war. Und dann waren wir froh, dass wir in modernen Zeiten leben, wo sich sowas mehr und mehr auswächst. Falsch, da ist es wieder. Und in Deutschland gibt es wieder eine Partei, die damit statte Prozente einfährt.

    Viele von uns, die wir in die schwule oder lesbische Schublade gehören, wir befürchten natürlich und völlig zu recht, dass wir zu den ersten gehören, die es wieder erwischen wird, wenn diese Gaulands und Co. noch salonfähiger werden. Da treibt uns schon ein existentielles Eigeninteresse, uns dagegen zu stemmen, dass das weiter geht. Aber als ChristInnen bewegt uns noch was anderes:

  Wir haben es gerade gehört, diesen Grundsatz, in Christus kann es keine Schubladensortierung mehr geben. Mann, Frau, Jude, Heide, all das gilt nicht mehr, sondern in Christus sind alle Menschen gleich geliebt, gleich geschätzt, gleich wert. In der Liebe Gottes sind alle Schubladen überwunden. Das nehmen wir für uns in Anspruch, und wir erwarten von der Gesellschaft, dass sie uns das gewährt. Doch Mooo - ment:

    Das kann auch ganz anders funktionieren. Wie, zeigt uns der zweite Text. Der Philippus gehört auch zu einer unterdrückten, verfolgten Minderheit, zu den Christen. Und als solcher kann er das - wie wir - in Anspruch nehmen, dass die Mehrheit (um der Liebe Gottes willen) nett zu ihm sein soll. Doch der Geist Gottes und Philippus machen was anderes:

    Da taucht dieser Typ auf, der in sämtlichen Schubladen, die für die Umwelt des Philippus was bedeuten, aussortiert ist: Der ist Ausländer. Durch seine schwarze Hautfarbe deutlich als solcher gekennzeichnet. Damit für Herrn Gauland und „die Leute“ nicht nachbarschaftstauglich. Und er ist - trotz all seiner religiösen Sehnsucht - Heide. Also hat er auch religiös schön draußen zu bleiben. Und zu allem Elend ist er Eunuch, und damit ist er in Judäa absolut außen vor. Das ist definitiv niemand, mit dem man was zu tun haben will. Doch just zu dem führt Gottes Geist den Philippus. Und ganz egal in welche Schublade er gehört und warum man mit dem nichts zu tun haben will, der wird getauft. Und damit wird er zu einem vollwertigen und gleichberechtigten Mitglied der christlichen Gemeinde; denn da zählen keine Schubladen, sondern da zählt nur die Liebe Gottes, die uns alle verbindet, über alle Grenzen, Schubladen und Schienen hinweg.

  Das ist es: Wir sind schwul, lesbisch, heterosexuell, Aus-, Inländer oder in welche Schublade wir auch immer gehören mögen. Vielleicht lehnen wir die Schublade ab, in die wir sortiert sind, oder wir fühlen uns wohl in ihr. Doch wenn wir mit Gott, mit Christus zu tun haben, dann haben diese Schubladen keine Bedeutung mehr. Uns steht die Vision einer Welt ohne Schubladen vor Augen. Uns leitet diese Idee von „alle eins in Christus“. Und das ist etwas, was wir nicht bloß für uns in Anspruch nehmen. Etwas, was wir für uns haben wollen. Sondern wir sind gerufen, daran mitzuwirken, dass das Wirklichkeit für alle wird. Wir selbst sollen dazu beitragen, dass dies Schubladendenken überwunden wird. Und sicher sind wir klein und können nicht viel wuppen. Aber in klein geht es los. Dass der Philippus diesen einen äthiopischen Eunuchen getauft hat, war ja auch kein Massenspektakel, sondern das war eine winzig kleine Aktion. Aber superwichtig war die. Ein Signal, um das deutlich zu machen, dass bei Gott keine Grenzen und Schubladen mehr gelten. Klein macht nix. Aber automatisch geht gar nichts. Deshalb sorgen wir, so klein wie wir es denn können, dafür dass Schubladen überwunden werden, dass die Wege nach Neuengamme versperrt werden.

    Die Gaulands und Trumps wollen was anderes. Was man von rechten Parteien in Europa hört, macht uns schaudern. Aber wir machen weiter, wir in klein, Senator Wofford mit mehr Presseaufmerksamkeit… Doch wir fordern es nicht nur für uns, und wir warten da auch nicht nur drauf. Sondern so wie wir es denn können, machen wir weiter damit, dass das vorankommt, was wir von Jesus mitgekriegt haben – die Idee Gottes von einer Welt ohne Schubladen. Die Idee einer Welt ohne Neuengamme.

Amen

 © Thomas Friedhoff

 

  

Gottesdienst zum 25.Geburtstag der MCC Hamburg 10.11.2013

P.Axel Schwaigert, MCC-Stuttgart

Hebräer 13,14

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir

Matthäus 17, 1-9

Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder von Jakobus, mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen. Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden strahlend weiß. Und dann sahen sie auf einmal Mose und Elija bei Jesus stehen und mit ihm reden. Da sagte Petrus zu Jesus: »Wie gut, dass wir hier sind, Herr! Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.« Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!« Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde. Aber Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte: »Steht auf, habt keine Angst!« Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein. Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl er ihnen: »Sprecht zu niemand über das, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn vom Tod auferweckt ist.«

 

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern,

wir sind hier, weil wir heute einen Geburtstag feiern, den Geburtstag einer Gemeinde und einer Idee, eines Aufbruchs. Und daher zuerst einmal herzliche Glückwünsche zum Geburtstag: Herzlichen Glückwuschen, Basisgemeinde MCC Hamburg, zu 25 Jahren Kirche sein im – wie wir es heute nennen – Lesbisch Schwulen Bi Trans Queer Bereich. Und Herzlichen Glückwunsch uns allen, die MCC in Deutschland sind. Denn 25 Jahre MCC Hamburg bedeutet auch: 25 Jahre MCC in Deutschland, an vielen Orten, in vielen Menschen und Geschichten. Hier in Hamburg hat etwas begonnen, was heute über die Stadtgrenzen von Hamburg hinausgeht. Herzlichen Glückwunsch uns allen für viele Begegnungen, Aufbrüche, Abendteuer, Erfolge, Veränderungen, für Neuentdeckungen von Glaube und Spiritualität, für viele Tage gelebtes Leben, für lebensfähig gemachtes Sein, für Wagnisse, und für Menschen. Herzliche Glückwünsche für das, was am Freitagabend im Erzählcafé erwähnt wurde, an dem, was geschehen ist in den letzten 25 Jahren. Hier ist gut sein!

Wenn man so zurückblickt auf 25 Jahre des Lebens, dann denkt man auch immer wieder daran, was denn all die Träume waren und sind von dieser MCC, deren Geburtstag wir heute feiern. Ein Traum, von Kirche, genau wie sie sein soll, wie wir sie schon immer haben wollten, und wie wir sie auch machen wollten! Wir hatten diesen Traum, von der anderen Kirche, die unser Ort ist, und Gottes Ort in der Welt. Wir hatten diesen Traum, dass diese Kirche erfolgreich sein sollte, dass wir Menschen mit ihr erreichen, und dass da etwas Besonderes, Wunderbares geschieht. Wir hatten diesen Traum, und ich jedenfalls habe ihn noch, auch wenn sich dieser Traum verändert hat, in den letzten 15 Jahren, die ich in der MCC bin.

Ich glaube, auch Petrus hatte diesen Traum: Er ist mit Jesus unterwegs, schon eine ganze Weile. Er hat viel erlebt mit Jesus, ist mit ihm Wege gegangen, hat Wunder und Heilungen gesehen, hat Jesus predigen hören und hat erlebt wie er mit den Menschen geredet hat. Er hat erlebt, wie die politischen und religiösen Mächte seiner Welt, Jesus herausgefordert haben, und er hat erlebt, wie Jesus sie wieder und wieder in ihre Schranken verwiesen hat, mit großem Wissen und mit Weisheit. Er hat erlebt wie Jesus Menschen gerufen hat, er war selber einer davon und er hat erlebt, wie Jesus Menschen berührt hat, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Und Petrus hat viel gelernt von Jesus in dieser Zeit. Und es war sicher nicht immer ganz unanstrengend, so mit Jesus unterwegs zu sein. Nicht zu wissen, was der Abend bringen würde, wo sie schlafen würden oder wo und mit wem sie essen würden. Es war sicher anstrengend, mit all diesen Menschen, den Gesunden und den Kranken und immer wieder mit Jesus in der Mitte, der immer wieder die Dinge anders machte, als Petrus es erwartete. Aber dennoch: Petrus was stolz auf Jesus, war stolz auf das, an dem er ein Teil sein durfte. Und er hoffte, dass Jesus endlich die Anerkennung bekommen würde, die er verdiente, dass er endlich den Erfolg hätte, den er haben sollte, dass sie endlich den Durchbruch schaffen würden.

Und dann passierte dieser Tag, dieser Moment auf dem Berg: Jesus hatte sich mal wieder zurückgezogen, war auf einen Berg gegangen um alleine zu sein, zu beten, nachzudenken...

Und er hatte seine drei engsten Freunde mitgenommen: Petrus, der Fels und Johannes und sein Bruder Jakobus, die „Donnersöhne“ genannt wurden, weil sie so eifrig und auch eifernd waren. Es waren übrigens dieselben drei, die auch im Garten Getsemani dabei sein würden, etwas später. Und wie dort, war es auch hier: Während Jesus betet, schlafen die drei ein. Sie pennen friedlich durch die ganze Sache hindurch. Sie wachen aber dann gerade auf, um noch den Schluss der Szene zu sehen: Jesus steht da und unterhält sich mit zwei der wichtigsten Personen dessen, was wir das Alte Testament nennen, zwei der wichtigsten Gestalten der heiligen Schrift: Moses und Elia

Er unterhält sich mit Moses, demjenigen der die Gesetze Gottes gebracht hat und das Volk aus der Gefangenschaft geführt hat, Moses auf den die 5 Bücher Mose zurückgehen, erste Teil der Heiligen Schrift, und Elia, der Prophet Gottes, derjenige, der am Ende seines Lebens nicht starb, sondern mit einem feurigen Wagen von Gott selber abgeholt wurde und über den Jordan flog zu Gott hin. Jesus spricht hier also mit den beiden wohl wichtigsten Gestalten, denen, mit denen man reden sollte, wenn man wissen will, was Gottes Plan und Gottes Wille ist.

Und was die Jünger sehen, ist natürlich, dass ihr Jesus da mit der himmlischen High society auf Du und Du steht, mit ihnen auf gleicher Augenhöhe redet mit ihnen zusammen ist. Sie sind natürlich beeindruckt, sind stolz wie sonst was, und absolut begeistert. Herzlichen Glückwunsch Jesus, wollen sie rufen, für das, was du da erreicht hast, herzlichen Glückwusch, uns allen, wollen sie sagen, dass wir Teil dessen sein dürfen.

Und so ist es natürlich Petrus, der jetzt mal wieder die Klappe nicht halten kann: Super, Mensch, Jesus, sagt er, du hast es geschafft, du bist jetzt einer von denen, du bist ganz oben, bei Mose, und Elia, bist jetzt einer von den ganz wichtigen, den Hotshots, einer der Superstars, besser geht’s nicht! Und dann hat Petrus die brillante Idee! Wir bauen hier drei Hütten, sagt er, eine für Mose, eine für Elia und eine für Dich, damit wir diese Situation behalten können, damit andere kommen können und sehen, wie wichtig du bist, und wie toll du bist, .... Hier ist gut sein! Und wir, wir Jünger, wir dürfen auch hier blieben, und Teil dessen sein.

Ich kann Jesus beinahe seufzen hören.... Petrus wieder. Petrus und seine große Klappe und seine Schnellschüsse.... Könnte er nicht einmal fragen: Jesus, was bedeutet das? Jesus, was habt ihr denn miteinander geredet? Jesus, wie sollen wir uns verhalten?

Nein, Petrus weiß es ja, mal wieder, Nein, Petrus weiß es mal wieder besser: Jesus, lass uns Häuser bauen, damit alle Welt sehen kann, wie wichtig Jesus ist, und wie wichtig Petrus und Jakobus und Johannes sind, denn sie haben die Häuser für Mose, Elia und Jesus ja gebaut.....

Er sieht den Ruhm, die Sicherheit, den Erfolg, dass sie gemeinsam etwas erreicht haben, das nun auch funktioniert. Jesus hat es geschafft, ist angekommen, hat alles erreicht, und er, Petrus, hat damit auch seine Stelle im Leben erreicht! Es sieht das schöne, und das will er nicht nur haben, sondern er will es behalten, will es zementieren. Er will Häuser bauen, und dort einzeihen. Ganz ehrlich, ich als Schwabe kann Petrus verstehen. Er ist oben auf dem Berg angekommen und hat ein Erfolgserlebnis, und er hat gesehen, was sein kann, was er sich erträumt hat, oder noch mehr, als das was er sich erträumt hat. Und er sagt, sicher nicht ganz zu unrecht: hier ist gut sein! Und als guter Schwabe sagt Petrus: Lass uns hier bleiben und ein Häusle bauen!

Hier ist gut sein!!! Lasst uns hier eine bleibende Stadt bauen, lasst uns hier sicher und fest bauen und sein.

Aber dann kommen wir nun zum zweiten Teil, dieser Predigt, zu der Losung, unter der dieses Fest steht: Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber eine Zukünftige suchen wir. Und beinahe klingt das ja so, als wäre dieser Satz aus dem Hebräerbrief die Antwort auf das was Petrus da gesagt hat: Hier ist gut sein. Nein! Wäre dann diese Antwort. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt. Vergiss diese ganze Häuslesbauerei, hier, in auf diesem Berg, auf dieser Welt, in diesem Leben haben wir keine bleibende Stadt. Ihr könnt hergehen und eine Zukünftige suchen, wenn ihr wollt, aber hier, nö, hier gibt’s keine Pause, nichts bleibendes, nichts, was da bleibt, oder besteht, oder fest ist.

Da sind wir wieder auf dem Berg, und Jesus rollt mit den Augen, und puff, sind Mose und Elia weg, und sie müssen wieder runter von dem Berg, und müssen wieder weiterziehen, weitersuchen.

 Ich habe es beim Schreiben dieser Predigt gemerkt, und ich merke es jetzt beim Halten dieser Predigt auch wieder. Ich muss aufpassen, dass ich nicht in ein negatives Denken hineinfalle, und das, was einem Angst machen kann: Oh je! Da gibt es nichts sicheres, und festes, sondern wir sind immer auf der Suche, auf dem Weg, und werden irgendwie nicht ankommen. Oh weh! Denn auch das ist eine MCC Erfahrung, um ganz ehrlich zu sein: Es war nicht immer alles nur Spaß und Freude und Erfolg. Es gab auch die negativen Erfahrungen, das zusammenbrechen, dessen, was wir so mühsam aufgebaut haben, Das Scheitern unserer großartigen Ideen, das Verlassen werden von denen, die wir Freunde genannt haben. Das Missraten unserer Pläne und die Selbsterkenntnis, diese ganz schwere Selbsterkenntnis, dass eben auch wir selber, ach so tolle MCC, nur mit Wasser kochen. Dass es eben keine drei Hütten zu bauen gibt, und keine bleibende Stadt gibt, und dass unsere Träume eben nicht so sind, wie wir es uns erträumt haben. Und nicht nur, dass das so ist, sondern nun scheint es uns auch die Bibel noch zu sagen. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Und im besten Fall werden wir auf die Zukunft vertröstet. Irgendwann wird alles besser, und irgendwo anders sowieso.

Aber ich glaube, genau in diese Momente hinein, in die Momente des Träumens von Erfolg, wie Petrus es sieht, und diese Momente des Erkennens, dass die Dinge sich eben nicht so toll entwickelt haben, wie wir uns das manchmal gerne vorgestellt hätten, genau in diese Moment hinein spricht uns Motto tatsächlich. Und es lohnt sich, den Text genau anzuschauen:

Wir haben hier keine bleibende Stadt. Das ist zum einen wahr. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Die Dinge hier auf dieser Welt sind nicht für die Ewigkeit. Dieses Bleibende, dieses Ewige, hier auf dieser Welt, existiert nicht. Da ist die Bibel ganz klar, und erstaunlich ehrlich zu sich selbst und zu uns. Und das finde ich toll, diese Ehrlichkeit, mit der die Bibel da zu uns spricht. Wir haben dieses Bleibende, Feste nicht. Wir brauchen uns da nicht etwas einreden und versprechen, was nicht da ist. Und wir brauchen uns aber eben auch nicht unter Druck setzten, dass wir etwas Ewiges aufbauen müssen, an dem wir dann doch nur Scheitern würden. Diese bleibende Stadt, haben wir nicht.

Und es ist gleichzeitig etwas zutiefst befreiendes: Wir haben hier keine bleibende Stadt, die festgemauert in der Erden, steht, wie die Form aus Lehm gebrannt, die etwas ewiges, unverrückbares, unveränderbares schafft. Eine Stadt, die feste Straßen und Plätze hat, Straßen, in denen Menschen wohnen bleiben müssen, weil sie da schon immer gewohnt haben, Plätze im Leben, auf denen wir stehen bleiben müssen, weil wir einmal im Leben dahin gestellt werden. Weil wir schon immer irgendetwas waren: Männer, Frauen, Heteros, Homos, Deutsche, Ausländer, Weiße, oder Bunte, weil wir es schon immer waren, auch immer bleiben müssen. Wo wir bleiben müssen, und nicht wegkönnen, weil alles aus dem Beton der Sicherheiten und des Gesetzes und der Unveränderlichkeit gebaut ist.

In so einer Stadt, liebe Gemeinde, wollte ich auch nicht mehr leben. Denn das mag zwar manchmal sicher sein, und fest, aber eben auch einengend und beengend. Denn aus den Hütten, die Petrus da hat bauen wollen, da wären, ruck zuck, Paläste geworden, mit Mauern drum rum, und am Anfang wären die Menschen noch gekommen, aber irgendwann wären sie wo anderes hingegangen, und dann wäre Jesus da hoch droben auf dem Berg gehockt, mit seinem Gesetzesmose und seinem Prohetenelia, und hätte eben nicht mehr zu den Menschen gehen können und hätte eben nicht mehr mit den Menschen gehen können, und er hätte dort oben festgesessen, statt heute hier sein zu können, mitten unter uns, weil da zwei oder drei sich versammelt haben in seinem Namen. Keine bleibende Stadt zu haben heißt auch in Freiheit leben dürfen.

Und dann geht dieser Satz ja noch weiter, aus der Beschreibung des Zustandes heraus, „ Wir haben hier keine bleibende Stadt“, hinein in eine Einladung, in ein Versprechen und in eine Herausforderung: „aber eine zukünftige suchen wir.“

Das ist etwas ganz Aktives, Offenes, Befreiendes, Kreatives, was da zum Ausdruck kommt.

Zum einen: es ist nicht haben, sondern suchen. Suchen, das heißt für mich, immer wieder auf dem Weg sein, Neues auszuprobieren, an neuen Orten zu schauen, Neue Wege zu gehen. Andere Menschen kennenzulernen und eben nicht festgelegt zu sein. Auch suchen zu dürfen. Ich muss als Christ nicht immer auf den fertigen, ausformulierten, festgefahrenen Wegen bleiben, sondern ich darf suchen. Ich darf suchen, wo schon andere gesucht haben, oder wo noch niemand gesucht hat. Ich darf suchen im Orthodoxen oder im Kreativen. Ich darf als Freikirchen bei einem Benediktinerpater suchen, in der Tradition der römischen Kirche, nach fruchtbarer Spiritualität, oder als traditioneller Christ in Formen anderer Spiritualität meditieren. Und ich darf alleine suchen und ich darf mit anderen suchen, und ich kann es heute so machen, und in drei Jahren anders. Und ich darf suchen, und ich darf weitersuchen. Das finde ich auch toll. Da steht nicht, „aber eine zukünftige finden wir“ sondern da steht „suchen.“ Wenn da „finden“ stünde, dann könnte, ja dann würde ich irgendwann versagen, irgendwann feststellen: ich finde auch diese Zukünftige nicht. Aber ich brauche nicht versagen, weil dieses Suchen ein Prozess ist, der weitergehen darf. Ich brauche nicht dort zu bleiben, wo ich heute bin, ich brauche nicht derjenige zu bleiben, der ich heute bin, sondern ich darf weitersuchen.

Und zum anderen ist da diese Zukünftige. Da steht nicht „himmlische Stadt.“ Die ist uns versprochen, diese Himmlische Stadt, die wird uns irgendwann geschenkt werden. Der Seher Johannes hat sie gesehen, und wir haben es vorher in der Lesung gehört. Aber was wir suchen ist noch hier, bei uns, nicht erst irgendwann am jüngsten Tag.

Zukünftig, das heißt für mich heute nicht irgendwann in der Ewigkeit, sondern Morgen. Was wir suchen, was wir suchen dürfen, das ist das, was Morgen sein darf, die Begegnung, die Erfahrung, die Morgen mit sich bringt. Und Morgen, das dann Heute sein wird, darf es dann auch wieder ein Morgen sein, und etwas Neues. Deswegen ist Jesus nicht da oben auf dem Berg geblieben in seiner Hütte, in diesem Ewigen Moment des „Jetzt darf es sich nicht wieder verändern!“, sondern durfte, musste sich aufmachen, in ein Weiterleben mit den Menschen.

Und dann, Liebe Gemeinde, steht da, dass wir suchen. Nicht ich, ganz alleine, in der Dunkelheit. Nicht ihr, die Gemeinde, weil ich, der Theologe es schon gefunden hat. Nicht die Dummen, weil wir, die Gescheiten es schon erreicht haben. Nicht die, die „anders“ sind, weil wir, die wir „richtig“ sind, es schon gefunden haben. Sondern wir, gemeinsam miteinander, sind auf dem Weg, auf dieser kreativen, unsicheren, überraschenden, beängstigenden, befreienden Suche, nach dem, was Gott vorbereitet hat, in jedem Augenblick unseres Lebens für den nächsten. Denn Gott ist nicht festgemauert auf einem Berg, sondern Gott ist auf dem Weg mit uns.

Eine bleibende Stadt haben wir nicht, sondern eine zukünftige suchen wir.

Amen

© P.Axel Schwaigert

 

 

 

 

 



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